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Wie Chinesen „ticken“

Bei Deutschen, die wenig Kontakt zu Chinesen haben, sind oft Vorurteile zu hören wie: „die werden uns überrollen und früher oder später die Welt beherrschen“ und „die können doch nur kopieren.“ Beides zugleich kann jedoch kaum stimmen, denn mit Abschreiben alleine ist noch keiner zum Klassenbesten geworden.

Interkulturelle Tipps, wie man sich in China verhalten solle, gibt es mittlerweile en masse. Doch wie sehen sich die Chinesen selbst? Zunächst: Beide eingangs genannten Statements fänden die meisten Chinesen ziemlich absurd. Überhaupt hätten sie wenig Verständnis für das etwas eigenartige Bild, das sich viele Deutsche von ihrem Land machen.

Chinas Wirtschaft noch nicht so stark wie klassische Industrienationen

China hat in den letzten 20 Jahren Hunderte von Millionen seiner Bürger aus der Armut geholt und einige davon sehr reich gemacht. Die chinesische Wirtschaft ist inzwischen groß und stellenweise auch finanziell recht leistungsstark. Sie ist aber qualitativ noch weit von den klassischen Industrienationen entfernt. Das gilt für die Qualität der Abläufe und Prozesse in nahezu allen Bereichen von Entwicklung, Herstellung, Vertrieb und ganz besonders auch Human Ressources. Gut ausgebildete Menschen in China sind sich dessen absolut bewusst. Sie gehen davon aus, dass die chinesische Wirtschaft und vor allem die lokalen Unternehmen noch auf Jahre hinaus von den etablierten internationalen Firmen werden lernen müssen – und sie sind dazu bereit und darauf eingestellt.

Das bedeutet nicht, dass sie sich als weniger begabt oder talentiert einschätzen; insbesondere jüngere Chinesen, die womöglich schon im Ausland studiert oder gearbeitet haben, sehen sich als Individuen mit Gleichaltrigen aus anderen Ländern auf einer Stufe.

Lange Tradition des Lernens

China hat eine lange Tradition des Lernens; seit jeher mussten diejenigen, die etwas werden wollten, unglaublich viel und diszipliniert geistig arbeiten. In vorkommunistischen Zeiten haben die Besten jedes Jahrgangs jahrzehntelang studiert, um die Beamtenprüfungen bestehen. Noch heute sind die Ausleseprozesse für den Zugang zu den guten Universitäten für unsere Verhältnisse geradezu grausam. Die traditionellen Lernformen und –inhalte sind anspruchsvoll, aber nicht sehr kreativitätsfördernd, sondern stark auf das Aufnehmen vorhandenen Wissens konzentriert.

Die jahrzehntelange Verfolgung und Verunglimpfung der geistigen und künstlerischen Eliten seit der Machtübernahme der Kommunistischen Partei hat insbesondere vor diesem Hintergrund zusätzliche Schäden angerichtet – Innovation und Experimentieren waren wenig gefragt. Literatur, Philosophie, Malerei und Kalligraphie spielen im Alltag der heute lebenden Chinesen meist nur eine Nebenrolle – wenn überhaupt. Trotzdem ist für die Identität des chinesischen Volkes diese geistige Tradition mindestens so wichtig wie die der alten Griechen und Römer für die abendländische Kultur oder Goethe für die deutsche – auch bei denen, die ihn nicht lesen. Der Kommunismus wirkt demgegenüber eher wie eine befristete Phase des gesellschaftlichen Umbruchs, der viel Leid und Veränderung mit sich gebracht hat, der aber heute kaum noch Identität stiftet.

Chinesen sehen ihre Erfolge gelassen

Aus chinesischer Perspektive besteht trotz aller Erfolge keinerlei Grund sich in eine Hybris zu hüllen; man sieht die großen Probleme, vor denen das Land steht und denen gegenüber die europäischen Krisen und Schwierigkeiten sich geradezu überschaubar ausnehmen. Die sozialen und die demographischen Folgen der Ein-Kind-Politik, die vor allem nördlich des Jangtse Flusses massiven Umweltprobleme, die grassierende Korruption – um nur drei Problemgebiete zu nennen. Die Menschen wissen das alles selbstverständlich, sie leben ja in diesem Land und sie hätten manches gerne anders. Chinesen schätzen die Regeltreue, die den Deutschen als Ruf vorauseilt und die sorgfältige Planung, für die wir uns einen Namen gemacht haben; sie finden, dass bisweilen ein wenig chinesische Flexibilität und etwas mehr Tempo eine gute Ergänzung sein könnten. Im Grundsatz sind die Deutschen für ihre Qualitäten hoch anerkannt und genießen einen guten Ruf im Land.

Universelle Grundbedürfnisse

Vor diesem Hintergrund ergibt sich manches von alleine: Wenn man sich dafür interessiert, wie man von seinen Kollegen und Mitarbeitern gesehen wird und welche Erwartungen sie haben, wird vieles einfacher. Natürlich wird in China anders kommuniziert als im Westen und die Werte der Menschen unterscheiden sich zum Teil beträchtlich von unseren. Trotzdem sind die Bedürfnisse gleich: Es geht um Anerkennung, Sympathie, Verlässlichkeit und den eigenen Vorteil.

Bei aller Konzentration auf die interkulturellen Unterschiede sollte man beim Kontakt mit Chinesen nicht die Dinge außer Acht lassen, die auch in der eigenen Kultur selbstverständlich sind: beispielweise, dass man den Namen seines Gesprächspartners kennt und ihn auch einigermaßen korrekt auszuspricht. Die Vorbereitung darauf ist überschaubar, weil die Namen der Chinesen meist recht einfach sind. Wenn man sich daran gewöhnt hat, dass in China der Nachname zuerst kommt, wird man feststellen, dass viel mehr Menschen Chen, Wang oder Li heißen als bei uns Müller oder Schmidt – man muss sich also noch nicht einmal so häufig umstellen!

Der Autor:

Dr. Tobias Busch ist geschäftsführender Gesellschafter der PERSONALGLOBAL GmbH und war bis 2007 President of Volkswagen India, zuvor viele Jahre Gesamtverantwortung Top Management und internationales Management Volkswagen Group weltweit bis 1997 Director Finance & Controlling Siemens Nixdorf Asia Pacific in Hongkong, zuvor Direktor HR bei Nixdorf (Telekom) und später Siemens Nixdorf (IT).

E-Mail: Tobias.Busch@personalglobal.de

www.personalglobal.de

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